Die Philosophie des Subjekts (2)

„Bevor ich denke, fühle ich.“
Jean-Jacques Rousseau

Ich habe das Buch von Roland Engert „Der absolute Ort. Philosophie des Subjekts“ ( > Teil 1) jetzt von der ersten bis zur letzten Seite gelesen. Ich habe das GEFÜHL, ein wirklich großes, vielleicht bahnbrechendes philosophisches Buch in den Händen zu halten.

Ich ringe mit mir, dieses Gefühl jetzt in angemessene Worte zu fassen:

Was macht das Buch zu etwas so Besonderem – FÜR MICH?
  1. Es ist für mich das erste Buch, das sich aus der neuen Spiritualität heraus der Philosophie zuwendet.
  2. Es ist keine Total-Darstellung eines komplexen philosophischen Systems, sondern „Philosophie im Work-Flow“ – und damit eine Philosophie als Lebensprozess im besten Sinne des Wortes: aus dem Leben für das Leben.
  3. Ich achte und schätze das Buch auch aus dem Grund ganz besonders, weil es nicht aus der Feder eines professionellen Fachphilosophen kommt, sondern eines spirituellen Menschen reinen Herzens, der „notwendigerweise“ philosophiert – und das sehr tiefgründig. Das Buch hat für mich etwas ansteckend Ehrliches und Mutiges.
  4. und nicht zuletzt: Viele dieser Thesen haben bei mir selbst mentale Knoten meiner eigenen philosophischen Themen gelöst. An anderer Stelle scheint mir, dass ich schon Lösungen für noch offene Fragen im Buch gefunden habe. Ich nehme das Buch als ein Angebot für einen philosophischen und inspirierenden Dialog auf Augenhöhe wahr. Es ist kein „Das ist die absolute Wahrheit: friss oder stirb“, sondern offen und einladend, zum Dialog herausfordernd.

Ich denke, mit diesen vier Zuschreibungen habe ich mein Gefühl der Wertschätzung für das Buch schon ganz gut umschrieben. Für Einzelheiten dann bitte 

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1. Philosophie und Spiritualität

Die Philosophie hat die Spiritualität, das Göttliche, schon immer „mitgedacht“. Sie musste sich – ich sag mal seit Aristoteles – sowohl gegenüber der Wissenschaft wie auch der Religion „abgrenzen“ oder „profilieren“. Der philosophische Begriff des Spirituellen ist TRANSZENDENZ. Hier sind einige Namen großer Philosophen zu nennen wie Pythagoras, Platon, Kant, Hegel, Heidegger oder Jaspers.

Das  Verhältnis der aktuellen Spiritualität der abendländischen Philosophie gegenüber ist in meinen Augen umgekehrt sehr gestört. Philosophie (oder das Mentale) scheint hier eher ein Irrweg des Verstandes gegenüber dem direkten Weges der Erleuchtung zu sein. Unter „Spiritualität“ verstehe ich jetzt ganz grob das erwachsen gewordene NEW AGE mit Autoren wie Walsch oder Tolle. Ein Beispiel für Hunderte ist das Buch von MOOJI „Der Atem des Absoluten“, das ich gerade zu Weihnachten geschenkt bekommen habe. Autoren, die einen Bestseller nach dem anderen schreiben, raten ihren Lesern, keine Bücher mehr zu lesen. (Werde ich zynisch? Das ist nicht meine Art.) Andere raten direkt vom „Philosophieren“ ab. Für die einen ist „Esoteriker!“ ein abwertender Begriff, für die anderen „Philosoph!“.
Das reicht so weit. Ich glaube, jeder weiß, was ich meine, wenn ich von einem gestörten Verhältnis dieser Mainstream-Spiritualität gegenüber der Philosophie spreche. Philosophie scheint hier das Teufelswerk der Dualität zu sein, der Philosoph der inkarnierte Diabolo. 

Das Verhältnis des spirituellen Autors Roland Engert gegenüber der Philosophie dagegen ist entspannt. Sein Buch ist ein „Manifest“ (der Begriff gefällt mir jetzt ganz besonders) einer neuen Versöhnung zwischen authentischer Spiritualität und einer spirituellen Philosophie. Mal ganz ehrlich und einfach: Wenn wir heute als geistige Herausforderung Nr. 1 eine Wiedervereinigung („Integration“) von Spiritualität und Wissenschaft suchen, muss die PHILOSOPHIE dabei doch die Dritte im Bund sein, oder? Das Buch „Der absolute Ort. Philosophie des Subjekts“ ist in meinen Augen ein Meilenstein für die Wiedervereinigung DER DREI Supermächte menschlichen Geistes: Spiritualität, Wissenschaft und Philosophie, ein Türöffner.

 2. Philosophie im (Lebens-)Prozess

Vor Jahren (oder Jahrzehnten?) habe ich Karl Raimund Poppers „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ gelesen. Das Buch hatte mich geistig endgültig vom Marxismus befreit (als eine in sich geschlossene politische Philosophie), mich aber auch vor weniger offensichtlich totalitären philosophischen System wie das von Platon (und dem Staat der Philosophen) oder Hegel gewarnt – oder geimpft. ALLES erklärende Philosophie IN EINEM SYSTEM ist für mich seitdem von vorneherein verdächtig, da sie der Gefahr einer wie auch immer gearteten Verabsolutierung eines Aspektes kaum entgehen kann.
Ein für mich in diesem Zusammenhang weiteres Buch mit dem Charakter eines geistigen Durchbruchs war das Buch von Anne Wilson Schaef „Leben als Prozess. Wahrheiten den Weg der Seele zu leben“.

Mit dem Geist dieser beiden Büchern erfahre ich mich in einem Lebensprozess mit offenem „Ende“. Selbst der Tod des Körpers ist für nichts Absolutes mehr. WARUM sollte auch die körperliche Unsterblichkeit NICHT möglich sein?! Wenn unsere Spiritualität („die Evolution des Göttlichen“) ein Prozess ist (es ist DER Prozess), unsere Wissenschaften in einem Prozess sind, dann muss für mich eine diesen Prozessen DIENENDE Philosophie erst recht Prozess-Charakter haben: auf aktuell auftretende Fragen und Probleme aktuelle Antworten bereit stellen. 

Dieser „Atem des Lebens“ ist für mich in dem Buch „Der absolute Ort. Philosophie des Subjekts“ deutlich zu spüren. Aktuell „brennende Fragen“ unserer Bewusstwerdung werden aufgegriffen und aus der Perspektive des Autoren im besten Sinne des Wortes „reflektiert“ und einer Lösung zugeführt. Nach-Denken macht Sinn in einer Zeit, in der nur noch das JETZT zähle und die Zeit als Illusion „verkauft“ wird (ich fürchte, der Begriff „verkauft“ ist JETZT tiefsinniger, als er im ersten Moment erscheint – bis hin zu: Lass dich nicht für dumm verkaufen).

Das ist für mich der Sinn des Philosophierens im Leben: stillhalten und wahrnehmen, nachdenken und entschlossen handeln. Oder wie Bert Brecht es so schön formuliert hat: „Denken ist etwas, das auf Problemen folgt und dem Handeln voraus geht“. Ach, ich vergaß, die NEW-AGE-Spirituellen haben ja keine Probleme mehr, mehr noch: Aus ihrer Sicht gibt in ihrer desillusionierten 😉 Welt ja GAR KEINE PROBLEME. Probleme seien ja nur eine Illusion und Problemlöser (welcher Art auch immer) reine Traumtänzer.

„Leben ist Problemlösen“ sagte Karl Raimund Popper schon. Das sehe ich auch so. Und dabei hilft lebensbejahende Philosophie wie dieses Buch, jedem einzelnen und der Gesellschaft in ihrem Prozess als Ganzem.

3. Befreite Philosophie

Um nicht missverstanden zu werden: nichts gegen universitär und professionell betriebene Philosophie. Ich liebe Bücher wie Störings „Kleine Weltgeschichte der Philosophie“ oder Lutz von Werders „Lehrbuch der philosophischen Lebenskunst für das 21. Jahrhundert“. Die zeitgenössischen Philosophen, die mich stark beeinflusst haben, waren Universitätsprofessoren wie Popper, Jaspers, Fromm, Marcuse, Horkheimer, Adorno mit einzelnen ihrer Werke.

Was ich mit „befreiter Philosophie“ meine, lässt sich in einem verschärften Satz auf den Punkt bringen: Jedes Kind hat das Geburtsrecht, ein Philosoph zu sein. Eine elitäre Philosophie muss als Lebensphilosophie wieder ins alltägliche Leben Einzug nehmen. Philosophie kann über Leben philosophieren, okay. Vielleicht kommt dabei eine Lebensphilosophie wie die von Henry Bergson heraus. Doch viel wichtiger ist, dass Leben sich philosophisch selbst begreift. Und diesen Auftrag hat jedes menschliche Wesen für seine Bewusstwerdung. Und das ist für mich eine Befreiung der Philosophie: aus den Hörsälen heraus bis in die Kinderstuben hinein.

Das Buch von Ronald Engert ist für mich ein Musterbeispiel einer solchen Befreiung. Es ist kein sich selbst bespiegelndes philosophisches Buch über die Philosophie. Es setzt sich nur mit dem zeitgenössischen Philosophen Peter Sloterdijk an einer wirklich spannenden Frage auseinander: „Optimierung des Menschen?“. Der Rest ist nachdenkliche Philosophie, ohne sich groß (höchstens in Nebensätzen und Fußnoten) auf die Philosophie selbst zu beziehen. Das Buch hat mir für mein eigenes philosophisches Selbstbewusstsein Mut gemacht. Und das ist schon einmal eine ganz große Nummer!

4. Näherung an die Seele, das NICHTS und das Absolute

Meine eigenen philosophischen Lieblingsthemen sind das Absolute, das NICHTS und die Seele. Schon Laotse hat für seine Umschreibung des Absoluten (dem nicht beschreibbaren TAO) 81 Verse gebraucht. Es ist schon paradox: Je mehr wir uns der Mystik und dem Absoluten nähern, desto mehr differenziert es sich uns. Mein Lieblingsthema der Mystik ist die Zahlenmystik (nach Pythagoras). Hier habe ich selbst die Lösung für die absolute Formel des Absoluten gefunden.

Die SEELE ist für mich mehr als eine philosophische Kategorie, vielmehr eine erlebbare  Lebensdimension. Ich erlebe und mir wird bewusst, dass ALLES eine Erscheinungsform der kosmischen Seele ist.

Diese Themen finde ich allesamt in dem Buch „Der absolute Ort“ von Ronald Engert. Es gibt viel Übereinstimmung und einige Differenzen (im Sinne einer kreativen Spannung). Das macht das Buch für mich selbst so spannend. Ich lege es jetzt nicht als „gelesen!“ aus der Hand, sondern studiere es erneut, um diese kreative Spannung zu lösen.

* Dieser Beitrag hatte seit 19.12.2015 bisher 57 Leser/innen.