„Karma“ und „Wu-Wei“

Es gibt zwei Konzepte anderer spiritueller Traditionen, die häufig missverstanden werden und für Verwirrung sorgen. Das KARMA der indischen Spiritualität (karma = Tat) und das WU-WEI im Taoismus (wu-wei = Nicht-Tun). Wenn wir statt aus dem Eigenwillen des EGO heraus handeln, sondern ins schöpfungsgerechte TUN kommen wollen, dann ist die Klärung dieser Begriffe sehr sinnvoll … 

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Karma

„Karma“ heißt einfach nur „Tat“. Wir übersetzen das „Gesetz des Karma“ mit dem „Gesetz von Ursache und Wirkung“. Gemeint ist: Jedes Tun ist eine Ursache und hat eine Wirkung zur Folge. Und: Alles, was ist, ist die Folge einer „getanen“ Ursache. Tatsachen sind getane Sachen.

Mehr nicht. Der Begriff „karma“ hat nichts mit „gut oder böse“ zu tun. Wir haben kein „schlechtes Karma“ aus vergangenen Inkarnationen „abzutragen“ (gar dafür zu „büßen“). Wir haben auch kein „gutes Karma“ zu schaffen. Karma hat nichts mit Moral zu tun. Es ist ein völlig emotionsfreies Gesetz: Auf A folgt B, und B ist eine Folge von A.

Ja, wir verbinden Karma auch mit der Reinkarnation, der Wiedergeburt über verschiedene Leben. Es geht dabei nicht um den Ausgleich. Beispiel: Wenn ich im letzten Leben ein Vergewaltiger war, gehört es zu meinem „Karma“, in diesem Leben vergewaltigt zu werden. Das klingt ganz nach den Gesetzen des alten Testaments: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Für „ausgleichende Gerechtigkeit“ zu sorgen, ist sicher kein göttliches Gesetz. Bei der Reinkarnation geht es um etwas anderes: uns als Menschen immer mehr zu vervollkommnen. Dazu reicht EIN Leben sicher nicht aus. Wir lernen durch das „Rad der Wiedergeburt“ uns zu entwickeln und zu vervollkommnen aus dem tierischen über den menschlichen hin zum göttlichen Menschen.

Es gibt in der indischen Spiritualität verschiedenen Formen des YOGA. Was wir unter YOGA verstehen, ist in der Regel der „Harta Yoga“, die körperliche Selbstdisziplin.  Eine andere Form des Yoga heißt „Karma Yoga“. Damit ist das handelnde Dienen gemeint, der Dienst für den anderen, der Dienst an der Gemeinschaft. Wir würden „Karma Yoga“ am ehesten mit BERUFUNG übersetzen, einen Beitrag für die Menschheit zu leisten, die Arbeit der Seele zu verrichten. Im „Karma Yoga“ wird KARMA zu einer spirituellen Disziplin, dem „schöpfungsgerechten Handeln“. 

Wu-Wei

Wu-Wei wird häufig mit „Nicht-Tun“ oder gar „Nichtstun“ übersetzt. Oft ist es eine spirituelle „Legitimation“, nichts zu tun. Nichts-Tun scheint (im Taoismus) die hohe Schule der Spiritualität zu sein. Weit gefehlt!

WEI ist der Zustand des gewöhnlichen Menschen, fremdbestimmten Menschen in seinem EGO-Bewusstsein, in seiner EGO-Struktur, seinem EGO-Willen. WU dagegen bedeutet „beenden“, „sich lösen von“. WU-WEI heißt demnach, sich von diesem EGO-Menschen zu freien, vom EGO-Willen zu befreien. WU-WEI heißt also grob und für unseren Zusammenhang übersetzt, nichts mehr aus dem EGO-Willen heraus zu tun. Aus diesem WU-WEI heraus können wir sehr kraftvoll dem „Willen der Schöpfung“ ohne Ego-Abhängigkeit folgen. WU-WEI ist die Voraussetzung für „schöpfungsgerechtes Handeln“. (Ich folge hier in meinem Ausführungen Heinz Klein „Sein eigener Meister und Schüler, insbesondere S. 157 – 159)

Hier ist auch die Bhagavadgita erhellend (Zitat a.a.O.):

Vollbringe darum immer ohne Abhängigkeit die auszuführende Tat, denn durch Handeln ohne Abhängigkeit gelangt der Mensch zum Höchsten.

Falsch verstandenes „Nichtstun“ dagegen führt in Teufels Küche. Erst im schöpfungsgerechten Handeln entfaltet sich unsere Seele. Wir TUN den Schöpfungs-Willen durch NICHT-TUN des Ego-Willens. 

Am Ende bedeutet WU-WEI mit immer weniger Tun immer mehr zu erreichen. Alles entsteht aus dem Nichts.

* Dieser Beitrag hatte seit 19.12.2015 bisher 52 Leser/innen.