Das Kreuz mit dem EGO

Starb Jesus „für uns“ am Kreuz? Ist er unser Erlöser, der uns von allen Sünden befreit hat? Zunächst ist überraschend, dass Jesus seinen Nachfolgern aufgetragen hat, dass jeder „sein eigenes Kreuz“ zu tragen, sich jeder selbst zu erlösen habe.

Wer mir will nachfolgen, der verleugne sich selbst, und nehme sein Kreuz auf sich, und folge mir nach. (Markus 8,34)

Er hat den WEG gewiesen, doch uns unser Kreuz nicht abgenommen. Was bedeutet dann „der Kreuzweg“ für die Entwicklung des Menschen? Was stirbt am Kreuz und was will wiedergeboren werden?

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Jesus sagte auch: „Ich bin der Weg, das Leben und die Wahrheit“. Das ist etwas anderes, als Paulus gelehrt hat: Glaube, Hoffnung und Liebe.

Wer die Wahrheit kennt, der braucht nicht mehr zu glauben, der weiß. Und wer eingetreten ist ins wahre Leben (als wahrer Mensch), der braucht nicht mehr auf ein Jenseits zu hoffen, der lebt im Hier und Jetzt. Und wer den Weg Jesu geht, der geht den Weg der Liebe, der glaubt nicht nur oder hofft nicht nur bedürftig auf die Liebe, der ist vielmehr die Liebe.

In der frühkindlichen Entwicklung „erwacht“ das Kind irgendwann zum ICH! und zum NEIN! Es sind Feiertage seiner Menschwerdung. Das Kind entwickelt einen Willen. Es sagt immer wieder „ich will …“.

Dann kommt der große Kampf zwischen dem „ich will“ des Kindes und dem „du sollst“ der Erwachsenen. Es ist ein Drama, in dem das Kind in eine konkrete Lebenswelt hineinerzogen wird, lernt, was in dieser Welt gut ist und was böse. Dem Kind wird der Wille gebrochen, es lernt sich anzupassen. Dieser Kampf zwischen Eigenwille und Fremdbestimmung wird ein Grunddrama des Lebens bleiben. Wir sind hochgradig manipulativ und selbst manipulierend geworden.

Die Pubertät ist die Zeit der Identitätsfindung, der Rollenfindung, der Entscheidung, welche Masken wir für die Zukunft tragen werden. Hier rüht sich noch einmal, oft das letzte Mal „das wahre Selbst“ mit seinen Träumen und Visionen. Spätestens jetzt fängt das Leben an „ernst“ zu werden. In der Regel beginnen wir damit, unsere Persönlichkeit zu entwickeln, uns in der materiellen Welt häuslich und beruflich einzurichten, „erwachsen“ zu werden. Das ICH wird selbst zur Ansammlung von Masken. Es ist jetzt zu einem wahren Wesen getrenntes EGO geworden.

Das EGO selbst hat einen Eigenwillen mehr. Es sind drei Mächte, die es steuern: 1. sein eigenes Schattenreich, das Verdrängte, 2. gesellschaftliche Mächte, 3. Wesenheiten aus dem „Jenseits“, der astralen Welt, die sich dem Schattenreich des Ego bemächtigen. Das EGO düngt sich, das Leben selbst zu steuern, lebt in dieser Selbsttäuschung und in diesem Selbstbetrug. Oft kommt eine Ahnung hervor, nicht zu leben, sondern gelebt zu werden. Die Sehnsucht nach dem „wahren Leben“ ist zu mannigfaltigen Süchten verkommen, Programmen der Selbstzerstörung.

Das EGO ist ein Gefangener der Vier, des Kreuzes in der Materie. Es lebt in der Dualität von Gut und Böse. Es kann diese Wahrnehmung der Welt ALS EGO nicht durchbrechen, es ist Teil dieser Welt. Das eigentliche Kreuz des Ego ist es, dass es gut sein will, doch ständig das Böse erschafft. Was immer es bekämpft, es steht hilflos davor, genau DAS zu verstärken. (Die Oberpädagogen haben die schwierigsten Kinder. Die Kämpfer für den Frieden erschaffen eine Welt voller Gewalt. Die Gesundheitsapostel werden von chronischen Krankheiten heimgesucht. …)

Die Krise in der Mitte des Lebens wird oft dadurch ausgelöst, dass auf dem Ego aufgebauten Lebenspläne zusammen brechen. Es ist noch einmal ein entscheidender Scheidepunkt im Leben: Entweder wird diese Krise zum Wendepunkt im Leben, es findet den Weg zurück zu „sich selbst“ oder es ist der Höhepunkt des Lebens und es geht nur noch „bergab“.

Das EGO hat sich mit seinen gescheiterten Lebensplänen verbraucht; es hat keine Kraft mehr, es kapituliert. Der Körper übernimmt das Kommando des Energie-Abbaus, der nach unten gerichteten Energiespirale. Das EGO gehört längst ins Reich der Toten, auch wenn es ihm medizinisch noch nicht attestiert wurde.

Oder diese Lebenskrise führt zum Wendepunkt, der „Metanoia“, dem Zurück unserer kindlichen Unschuld. „Werdet wie die Kinder.“ – zurück in eine Welt, in der es weder gut noch böse gab. Dieser „Weg zurück“ ist der Kreuzweg, der Weg der Erlösung des EGOs von seinem Kreuz.

 

* Dieser Beitrag hatte seit 19.12.2015 bisher 51 Leser/innen.