Kann man loslassen, wenn es einen gepackt hat?

Nachdem ich meinen Beitrag über den historischen, theologischen, mystischen und kosmischen Jesus in Seelenimpuls.info geschrieben hatte, wollte ich wieder loslassen und „zur Tages-Ordnung zurück“. Doch es lässt mich nicht los, im Gegenteil. Es erschüttert mich mehr und mehr. Heute fühle ich mich – im Lesen des Chopra-Buches „Der dritte Jesus“ – richtig in eine spirituelle Krise gezogen.

 

Statt Klarheit bin ich verwirrt und weiß, es ist eine geistige Verwirrung, so stark, dass sich mir der Satz aufdrängt: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Ich frage mich, was es heißt, „spiritueller Lehrer“ zu sein. Jetzt fühle ich statt Lehre eine Leere. Ich fühle mich verwirrt – und doch auch intensiv geführt wie nie. Ich habe ein Vertrauen, dass ich mich fallen lassen kann. Ich lasse mentale Glaubenssysteme los, um mich von der mystischen Wahrheit packen zu lassen. Es fühlt sich wie ein Wendepunkt an, dass ich Themen jetzt nicht einfach mehr beenden kann. Es unterliegt nicht mehr meiner Kontrolle.

Ich fühle mich Jesus sehr nahe, doch ich fühle mich mit ihm nicht verbunden. Das scheint meine Krise zu sein, es ist alles noch indirekt, nicht wirklich direkt.

Ich hatte Berühungspunkte (mehr kann ich es nicht nennen) mit dem Sufismus, der Mystik des Islam: Rumi, Resha Feild, Anette Kaiser. Diese glühende, leidenschaftliche Reinheit des Herzens hat mich im Sufismus fasziniert. Es war gleichzeitig eine „Versöhnung“ mit dem Islam. Es war für mich keine „fremdartige, kriegerische Religion“, gar eine Projektion des Bösen in mir. Auch der Islam hat ein mystisches Herz. Ich entdeckte den Sufismus als ein Teil meines Herzens: eine leidenschaftliche Liebe dem Göttlichen gegenüber.

Es ist die Mystik Jesu mit anderen Worten. Vielleicht war für mich der Sufismus ein Schlüssel, um jetzt Zugang zur Mystik Jesu zu finden. Heute lese ich den Satz von Karl Rahner: „Die Zukunft des Christentums wird mystisch sein oder nicht mehr sein.“ 

Mein Geist scheint sich für den mystischen Weg zu leeren. Ich erinnere mich an die Worte von Paul Ferrini: „Wische die Vorurteile der Vergangenheit fort und komme mit leeren Händen zu ihm. Er wird dich lehren. Er wird dich anleiten.“ Oder: „Vergegenwärtige dir, dass derjenige, welcher zu dir sprechen wird, nicht der Jesus aus biblischen Zeiten, sondern der heutige Jesus sein wird.“

Und hat Jesus nicht selbst gesagt:

Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.

Ihr seid schon rein durch das Wort, das ich zu euch gesagt habe. Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch.

Mystik ist eine direkte Seelenerfahrung. Wenn wir sie in Worte fassen wollen, dann sind die Worte Jesu eine der „Übersetzungen“. Der Sufismus eine andere, der Buddhismus wieder eine andere Übersetzung des GLEICHEN, Wortlosen. Als Menschen des christlichen Kulturraums ist uns die Sprache Jesu wie eine Muttersprache wohl die vertrautetste, auch wenn wir ihren tiefen, eigentlichen Sinn erst auf dem mystischen Weg immer mehr verstehen lernen.

* Dieser Beitrag hatte seit 19.12.2015 bisher 31 Leser/innen.