Annäherung an Jesus, den Mystiker (3)

Inhalt: Ich habe gestern Abend noch 2 Filme über den historischen Jesus auf YouTube gesehen, die mein Bild abgerundet haben. Es gab offensichtlich drei große Strömungen in der Jesus-Nachfolge: die jüdische Strömung des als „König der Juden“ gescheiterten Jesus, die Strömung des Paulus, aus der die römisch-katholische Staatskirche entstand und die Gnostiker, die Mystiker, die es nach Ägypten zog.  

 

Der erste YouTube-Film zeigt den Konflikt zwischen Paulus und Jakobus. Jakobus ist der ältere Bruder von Jesus und war wohl der Nachfolger von Jesus in der Jesus-Gemeinde von Jerusalem.

https://www.youtube.com/watch?v=5fpwAJTsp2M

Die Nachfolge des Jesus über Jakobus ist eine Nachfolge innerhalb des Judentums. Der von den Juden erwartete Messias als König der Juden (seine Geburt wurde in Betlehem erwartet) war mit der Kreuzigung Jesu gescheitert. Messias heißt der Gesalbte – und nur die Könige der Juden wurden gesalbt. Dies ist die Linie des Jesus als „Sozialrevolutionär“ gegen die Unterjochung durch die Römer. Es gab historisch einige Joshuas (er jüdische Name für Jesus) als Anführer des jüdischen Aufstands gegen die Römer. Hier stand Jesus auch in der Tradition von Johannes des Täufers. Diese Linie wollte keine neue, vom Judentum getrennte Religion, sondern die Befreiung von Rom. Die Familie von Jesus und seine Jünger haben Jesus wohl als jüdischen Sozialrevolutionär interpretiert. Mit der Kreuzigung des „Königs der Juden“ und der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 war diese Bewegung gescheitert.

Die Nachfolge des Jesus über Paulus ist die Linie der römisch-katholischen Kirche, die mit dem Konzil von Nicäa 325 unter Kaiser Konstantin zur Staatsreligion wurde. Paulus war nicht nur ein reicher und gebildeter Jude, er war auch römischer Staatsbürger. Er hat Jesus nie erlebt und sagte selbst, dass ihn der leibliche Jesu nicht interessiere, sondern nur der CHRISTUS (der griechische Begriff für Messias), der am Kreuz gestorben und am dritten Tag wiederauferstanden ist.  Das ist der Kern-Mythos, auf dem Paulus eine gegen das Judentum gerichtete neue Religion aufbaute. Der „Verräter Judas“ steht dabei für das ganze jüdische Volk. Die Juden wurden als Mörder Jesu hingestellt.  Die sozialrevolutionären Tendenzen in der Lehre Jesu wurden gebrochen (Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist!), das Reich Gottes in den Himmel verlegt. Das römische Imperium brauchte eine neue, das Reich vereinigende Religion. Paulus wurde der Begründer des Christentums, das sich der organisierten Kraft des römischen Staates bediente und der sein „eines Reich“ mit dem „einen Gott“ unter Kaiser Konstantin dann legitimieren konnte.

Der zweite YouTube-Film zeigt noch eine ganz andere Linie, die Linie der Gnostiker und Mystiker:

Auf dem Konzil zu Nicäa 325 wurden 4 Evangelien zum „Neuen Testament“ kanonisiert (Markus, Matthäus, Lukas und Johannes). Es gab zunächst einmal nur EIN „Evangelium“, die mündlich überlieferte „frohe Botschaft“ – bis dann die ersten Schreiber begannen, die mündlich überlieferten Jesu-Worte aufzuschreiben. Und hier gab es bereits viele Varianten der Erzählungen, inzwischen sind insgesamt ca. 50 Evangelien (Varianten der Jesus-Worte) bekannt.

Keines dieser Evangelien ist wohl original von den Jüngern Jesu verfasst worden. Es ist eher unwahrscheinlich, dass sie des Lesens und Schreibens kundig waren. Die verschiedenen späteren Schreiber und Abschreiber von Kopien beriefen sich der Autorität ihrer Schriften wegen auf einen der Apostel. Es heißt ja auch „Evangelium NACH Markus“ (und nicht VON). Die überwiegende Mehrheit der Evangelien wurden ausgegrenzt („apogryphische Schriften“), ihr Besitz und ihr Lesen später verboten und mit dem Tode bestraft. Dazu gehört das „Thomas-Evangelum“, das „Petrus-Evangelium“, sogar das „Judas-Evangelium“ (der ja der „Lieblingsschüler“ Jesu gewesen sein sollte) und ganz zum Entsetzen der römisch-katholischen Kirche das „Evangelium nach Maria Magdalena“ (der Frau von Jesus, die seine letzten Geheimnisse als „Reise der Seele“ kannte).

In diesen „gnostischen“ Schriften zeigt sich noch eine dritte Nachfolge Jesu: das der echten Mystiker, für die Frauen gleichberechtigt waren. Sie predigten die direkte Gotteserfahrung ohne kirchliche Vermittlung. Nach dieser Lehre sind wir alle Söhne und Töchter, Kinder Gottes, können Gleiches tun wie Jesus „und Größeres“. Eine solche Lehre war in einem ganz anderen Sinne revolutionär und musste in der damaligen Zeit in den „geheimen Untergrund“ gehen.

Wer war der „echte Jesus“? Ich bin sicher, es ist der Mystiker. Und nur ein Mystiker selbst kann die Lehre Jesu wirklich in seiner mystischen Tiefe verstehen und nachvollziehen. Ich will die anderen zwei Strömungen – die jüdische und die römische – gar nicht abwerten. Ein römischer Staatsbürger (Paulus) MUSS diese Lehre anders INTERPRETIEREN als ein jüdischer Sozialrevolutionär um Jakobus sie interpretiert hat. Diese Interpretation der Worte Jesu ist eine Frage des eigenen Bewusstseins-Standes. Und das ist heute noch so: Jeder interpretiert die Worts Jesu nach seinem eigenen Bewusstseins-Stand. Und auch das ist sicherlich ein Teil der Wahrheit: Jeder hat die Worte und die Geschichte Jesu nach seiner Interpretation etwas „umgeschrieben“, EIN ORIGINAL gab es ja eh nicht, höchstens eine vergleichende Annäherung an das, „was Jesus wirklich sagte“.

Die Frage, was gewesen wäre, wenn sich die Gnostiker durchgesetzt hätten, ist unsinnig. Die Zeit war nicht reif (heute ist sie reif!) – und es bleibt am Ende immer noch die relative Wahrheit: Die Sieger haben historisch den Sieg verdient. Es ist eine Art „Manifestation“, die ohne „Gottes Zustimmung“ (im Rahmen der Schöpfungsgesetzte) nicht möglich wäre. Ich sage es einmal so: Das ist in Liebe zu akzeptieren und loszulassen.

Wir erleben mit dem Vertrauensverlust des Christentums als Amtskirche eine neue spirituelle Renaissance und damit auch eine neue Verehrung von Jesus als spirituellem Lehrer (vielleicht auch „aufgestiegenen Meister“), wir erleben die „Auferstehung“ des DRITTEN JESUS als Mystiker. Der Zugang zu ihm kann nur ein direkter sein, ein „direkter Weg“. Doch eine grobe Klarstellung der ganzen historischen Widersprüche um Jesus und ihre Entwirrung ist für diesen Weg vielleicht hilfreich. Wir finden „die Wahrheit“ letztlich nicht in alten Schriften, neu entdeckten Evangelien, sondern in der unmittelbaren Kommunikation mit Jesus in unserem Herzen.

 

* Dieser Beitrag hatte seit 19.12.2015 bisher 59 Leser/innen.